Nornen
Oliver Wießmann
Wie zerbrechlich das Jetzt in Schönheit –
Augenblicklich greift das Alter nach der Jugend,
Die Nacht ringt mit dem Tag,
Die Sonne weicht dem Mond.
Unsichtbare Hände weben hier den Stoff,
Der uns Blinden gereicht,
Was zu begreifen fehlt.
Stets
Oliver Wießmann
Steter Schönheit Keim erblüht
In steter Ewigkeit daheim
Doch bleibt sie stets veränderlich,
Ist stetes Leben, stets der Tod.
Stete Schönheit still erglüht
In steter Andacht dir allein
Alles treibt stets unverändert,
In stetem Streben, stetem Sterben.
Musenkuß
Oliver Wießmann
So sanft der Tropfen ihrer Lippen
Schon rinnt er warm und rot wie Blut,
Beleckt das Gatter enger Rippen
Und leuchtet Sehnsucht heim mit Glut.
Erinnerung
Oliver Wießmann
Schon längst ist verblaßt all die Zeit deiner Blüte,
Doch glaubt man noch lange auf Erden den Keim.
In flüchtiger Seele erwächst sie geheim,
Doch glaubt man noch lange auf Erden den Keim
Schon längst ist verblaßt all die Zeit einer Blüte.
Krönung
Oliver Wießmann
Die Sonne thront über Berg und Lage –
Ihr sind die Farben strahlender Kraft.
Dies Blümlein darf sie heute tragen,
Sich einmal sorgenlos laben,
Getränkt voll sonnigem Saft –
Morgen war’s das Gold der Tage.
Aderlaß
Oliver Wießmann (1998)
Der Seele Flügel eingesumpft
Im Corpus: Speichel, Schleim und Kot –
Ja, traurig die Zusammenkunft,
Löst sie doch erst final der Tod.
Schon kraftlos ihr die Schwingen schlagen,
Die Pein der Sehnsucht zerrt am Herzen.
Mit ganzer Stärke muss ich fragen:
Ob Sinn sich drückt in diesen Schmerzen?
Mal stürzt das Blut im Venengang
Als junger Urquell weit hinauf;
Mal träumt es gar galant entlang
Gleich schwerem, süßen Wein – Schluckauf!
Doch Dichtung öffnet mir die Adern –
Die Macht des eingefleischten Lichts!
Beleuchtet es mir dunkle Ufer
Dort in der Ewigkeit des Nichts!