Aktuelles zum »Rayon Vert« – dem sogenannten »Grünen Strahl« im Straßburger Münster:
Dieser epische Lichteffekt auf der gotischen Münsterkanzel wurde über Nacht eliminiert.
Die Pressemitteilung der Prefecture des Departements Grand Est vom Montag den 21.3.2022 hatte es in sich: Auf Anweisung von höchster offizieller Stelle – des Straßburger Dekans Didier Muntzinger, der Kulturbehörde DRAC und der Münsterbauhütte Oeuvre Notre-Dame – wurde der Grüne Strahl überraschend demontiert. Die verblüffende Begründung: Das Phänomen sei rein »zufälliger Natur und somit ohne Bedeutung«. Ein drastischer Eingriff, der in der Öffentlichkeit und Fachwelt weit mehr Fragen aufwirft, als er beantwortet.
(Siehe bspw. den Artikel von Prof. Dr. Peter-W. Gester HIER)
Meine Recherche brachte nun erneut Überraschendes ans Licht – Zufall ausgeschlossen:
»Secrets in plain sight«
Verborgen direkt vor unseren Augen
Johannes Gerson als Pilger 1502 (aus Gersonis Opera), Holzschnitt von Albrecht Dürer (1471 – 1529)
Albrecht Dürer
Der unsichtbare Engel – Ein geächteter Pilger und der Albtraum Roms
Oliver Wießmann
Ein ikonografisches/ikonologisches Bildgutachten (Visual History Expertise)
Straßburg, 1502: In dem unscheinbaren Supplementband der Gerson-Werkausgabe verbirgt sich ein Holzschnitt, der die Fachwelt seit Jahrhunderten rätseln lässt. Ist er ein echter Albrecht Dürer? Einmal sogar als »handwerklich unzureichend« verunglimpft oder einem Kopisten zugesprochen, erkennen heute Experten in dieser Grafik die Handschrift des großen Genies. Doch Dürer, der »Meister des Rätsels«, verbarg darin weit mehr als nur ein Porträt.
Als Hofkünstler von Kaiser Maximilian I. und Kenner theologisch-alchemistischer Symbole schuf Dürer Werke von extremer inhaltlicher Dichte. Seine berühmtesten Meisterstiche von 1513/14 zeigen die Melancholie (I), das Phlegma (Der heilige Hieronymus im Gehäus) und die Cholerik (Ritter, Tod und Teufel). Doch das vierte Temperament fehlt! Vielleicht stellt ja der Straßburger Holzschnitt den bislang gesuchten »christlichen Sanguiniker« dar: Gerson als Pilger. Jean le Charlier de Gerson (1363–1429), Johannes Gerson genannt – französischer Theologe, Mystiker und Kanzler der Pariser Sorbonne – wandert geächtet, aber voller Hoffnung und festem Glauben durch eine beschwerliche Welt.
Selbst wenn das Rätsel der Serie damit gelöst ist: Dürers Pilger offenbart weit Größeres: das »Unsichtbare«!
Es wirkt, als hätte Dürer auf Wunsch seiner Auftraggeber, den Straßburger Humanisten Geiler von Kaysersberg und Peter Schott, etwas Besonderes wie eine »Lichtgestalt« eingefangen, der eine ganz gezielte Aufgabe zukam. Sie steht unmittelbar mit jenem »Licht-Phänomen« in Verbindung, das bis vor kurzem noch (!) die Massen im Straßburger Münster fesselte: Jedes Jahr zu den Tag-und-Nacht-Gleichen beleuchtete im Inneren der Kathedrale ein grünlicher Sonnenstrahl, der sogenannte »Grüne Strahl« (rayon vert), punktgenau die berühmte spätgotische Münsterkanzel – genauer: es geht um eine ganz bestimmte Figurengruppe, der kaum Beachtung geschenkt wird.
Hier verschmelzen Astronomie, Architektur und Mystik zu einer Einheit, die in Dürers Werk über 500 Jahre lang übersehen worden ist. Der Grüne Strahl beleuchtete vor aller Augen jene Lichtgestalt aus Dürers Auftragsgrafik!
(Mehr zum Grünen Strahl siehe weiter unten)
Serie »Secrets in plain sight«
Weitere Bücher in Arbeit
Zum »Grünen Strahl« (rayon vert): ein Sonneneffekt, der als grüner Lichtstrahl in der Straßburger Kathedrale auf die Münsterkanzel traf
Krönung einer einzigartigen Buchkampagne im 15. Jahrhundert (rayon vert)
Die Werkausgabe der Schriften Gersons war weit mehr als ein bloßes Buchprojekt – sie war das Herzstück einer der spektakulärsten Kampagnen der Mediengeschichte, ein »Productlaunch« des 15. Jahrhunderts von beispielloser Raffinesse. Um Gersons Schriften nicht nur in die Bibliotheken, sondern in die Köpfe der Massen zu bringen, errichteten die Straßburger Humanisten mit der berühmten Münsterkanzel ein dreidimensionales Werbemedium mitten im öffentlichen Raum. Der Kanzelkorb dient dabei als steinerne Anzeige: Die dort eingearbeiteten Figuren stammen direkt aus den Schriften und der Denkwelt Gersons und machten seine komplexe Mystik für jeden Kirchgänger und vor allem die Pilgerbewegung (be)greifbar. Der begnadete Prediger und Kirchenkritiker Geiler von Kaysersberg nutzte dieses architektonische Meisterwerk als seine Bühne, um die druckfrischen Inhalte der Werkausgabe unters Volk zu bringen – eine perfekte Symbiose aus Content und Design. Was wir heute als virales Marketing oder medienübergreifendes Storytelling bezeichnen, feierte hier am Straßburger Münster seine Premiere: Die Kanzel war der physische Teaser für das intellektuelle Produkt, ein monumentaler »Call to Action«, der bewies, dass man für eine echte Revolution nicht nur gute Argumente braucht, sondern auch die richtige Verpackung und die lauteste Bühne.
Was aber diesen genialen Buch-Launch einzigartig macht fand seine Formvollendung jedoch nicht im Wort oder im Stein, sondern in der Beherrschung des Kosmos: Der Grüne Strahl war das ultimative visuelle Highlight, das die gesamte Kampagne krönt. Einmal im Jahr sollte dieses präzise kalkulierte Lichtereignis die Kanzel in eine kosmische Bühne verwandeln und so die humanistische Botschaft Gersons buchstäblich unter Spotlight setzten.
In der Sprache der modernen Werbung war der Grüne Strahl das »Key Visual« einer gigantischen Inszenierung – ein jährlich wiederkehrendes Live-Event, das Gersons Mystik für die Massen in ein unvergessliches Spektakel verwandelte. Es war das göttliche Gütesiegel auf dem Werk der Straßburger Humanisten, ein visuelles Versprechen der Erleuchtung, das die Botschaft der Kanzel unmissverständlich beglaubigte. Wer heute von Image-Kampagnen und Licht-Inszenierungen spricht, muss erkennen: Die Straßburger Humanisten haben das Prinzip des Event-Marketings bereits im 15. Jahrhundert perfektioniert – mit einem Strahl, der so mächtig war, dass Rom ihn fünfhundert Jahre später physisch auslöschen musste (!), um die Kampagne endlich und ein für allemal zu stoppen.
In Frankreich sollte 2023 unter dem Buchtitel »Le rayon vert de la cathédrale de Strasbourg« (Auteur Olivier Wiessmann) im Traditionsverlag Editions Dervy Almora / Groupe Guy Trédaniel, ein neues Buch über den Grünen Strahl mit aktuellsten Erkenntnissen und neuen Entdeckungen erscheinen. Doch schon zuvor versuchte man die Erscheinung zu verhindern und sabotierte sogar die Übersetzung ins Französische. Als das alles nichts half, verschwand plötzlich der Grüne Strahl komplett aus dem Straßburger Münsterinneren! Mit dieser Demontage verhinderte die Kirche schließlich auch die Drucklegung. Ein Schelm, wer Übles dabei denkt …
Den Grünen Strahl konnte man – wieder einmal – verhindern, doch dank Albrecht Dürer bleibt er in der Grafik »Gerson als Pilger« unsterblich (siehe oben).
Der Grüne Strahl im Straßburger Liebfrauenmünster
Aus der Welt der Kathedralenerbauer
Oliver Wießmann
ISBN: 978-3943539752
360 Seiten / Salier Verlag (2018)
Seit 1972 ist eines der wohl größten Rätsel europäischer Architekturgeschichte als »Grüner Strahl« (rayon vert) bekannt. Bis heute wurde der grüne Lichtstrahl auf der Münsterkanzel im Straßburger Liebfrauenmünster nicht erklärt – offiziell sei er von »zufälliger Natur«. Lichtstrahlen in Sakralbauten wurden weltweit schon immer inszeniert: Der Grüne Strahl bleibt etwas Besonderes. Jedes Jahr zur Tag-und-Nacht-Gleiche erscheint er gegen Mittag als grünes Licht auf der berühmten Predigerkanzel und beleuchtet den Gekreuzigten auf dem oberen Kanzelkorb. Dieses Lichtspiel löst nun schon seit Jahrzehnten Kontroversen aus – »Zufall« oder Absicht?
Das Zusammenspiel zwischen der rekonstruierten Fensterfigur, die den Grünen Strahl erzeugt, und den Figuren auf der Kanzel wurde bislang so noch nicht betrachtet.
Warum beschäftigt sich ein Kommunikations-Designer mit historischen Themen?
Was man heute Werbung nennt war früher Reklame – davor Propaganda: keine Erfindung des 20. Jahrhunderts, sondern ursprünglich im 17. Jahrhundert eine Bezeichnung von der katholischen Kirche zur Verbreitung des Glaubens (Sacra Congregatio de Propaganda Fide). Auch der heute geläufige Begriff Kampagne geht mehr oder weniger auf Napoleon Bonaparte zurück, als zentrale historische Figur, die das Verständnis des Wortes Kampagne als »strategisch geplanten, groß angelegten Feldzug« geprägt hat.
Was wir heute Marketingkommunikation nennen, wurde tatsächlich schon sehr früh von Menschen ersonnen
und angewendet – und genau das interessiert mich.